Tartaros
Der tiefste Abgrund der griechischen Mythologie
Tiefer als die Erde. Tiefer als der Hades. Tiefer als alles, was ein Lebender sich vorstellen kann.
Tartaros ist das Ende. Nicht das Ende des Lebens – das ist der Hades. Sondern das Ende der Ordnung selbst. Es ist der Ort, an den die Götter das verbannen, was sie nicht vernichten können und nicht frei lassen dürfen. Ein Gefängnis aus Dunkelheit, Bronze und ewiger Qual.
Aber Tartaros ist noch mehr: Er ist auch ein Urwesen, so alt wie die Welt selbst. Bevor es Götter gab, bevor es Menschen gab – gab es Tartaros.
Tartaros als Urwesen: Älter als die Götter
In Hesiods Theogonie – dem ältesten Schöpfungsbericht der Griechen – entstand Tartaros am Anfang aller Dinge, zusammen mit Chaos, Gaia (der Erde), Eros (dem Verlangen) und Nyx (der Nacht).
Er war keine Person, keine Gottheit im klassischen Sinne – er war ein Prinzip. Ein Zustand. Die Tiefe selbst, die Dunkelheit unterhalb von allem.
Doch Tartaros war nicht unfruchtbar. Mit Gaia zeugte er eines der mächtigsten und furchtbarsten Wesen der Mythologie: Typhon – das letzte und größte Ungeheuer, das gegen die Olympier kämpfte, bevor Zeus ihn unter dem Ätna begrub. Aus Tartaros kam also das Chaos, das die Welt beinahe zerstört hätte.
Tartaros ist nicht nur ein Gefängnis. Er ist die Quelle des Unkontrollierbaren.
Die Tiefe des Abgrunds: Ein Amboss, der neun Tage fällt
Hesiod gibt uns das eindrücklichste Maß für die Tiefe des Tartaros:
Wenn man einen bronzenen Amboss vom Himmel fallen ließe, würde er neun Tage und neun Nächte fallen, bis er auf der Erde aufträfe. Ließe man denselben Amboss von der Erde fallen, würde er weitere neun Tage und neun Nächte fallen, bis er den Tartaros erreichte.
Himmel und Erde sind also gleich weit voneinander entfernt wie Erde und Tartaros. Der Tartaros liegt in derselben Distanz unter der Erde, wie der Himmel über ihr thront. Ein symmetrischer Kosmos – und Tartaros als sein dunkelstes Gegenstück.
Um ihn liegt eine dreifache Schicht aus Nacht. Über ihm wachsen die Wurzeln der Erde und des Meeres. Er ist geschlossen von Bronzetoren, die Poseidon selbst geschmiedet haben soll. Und bewacht wird er von den Hekatonchiren – den Hundertarmigen, denselben Wesen, die Zeus aus dem Tartaros befreit hatte, um die Titanen zu besiegen, und die nun dafür sorgen, dass niemand herauskommt.
Die Bewohner des Tartaros
Die Titanen: Die ersten Gefangenen
Nach dem Sieg der Olympier über die Titanen in der Titanomachie wurden die besiegten Titanen – darunter Kronos selbst – in den Tartaros geworfen und für alle Ewigkeit dort eingesperrt. Die Hekatonchiren, einst selbst Gefangene des Tartaros, wurden nun zu ihren Wächtern.
Es ist eine Ironie der Mythologie: Die Unterdrückten wurden zu Unterdrückern – nicht aus Bösartigkeit, sondern als Teil der neuen Weltordnung.
Tantalos: Hunger und Durst für immer
Tantalos war ein Sohn des Zeus und König von Sipylos in Lydien – einer der privilegiertesten Sterblichen, der je gelebt hatte. Die Götter luden ihn zu ihren Mählern ein, speisten ihn mit Ambrosia und Nektar.
Er vergalt es mit dem schlimmsten Verrat, den ein Mensch an Göttern begehen kann: Er lud die Götter zu sich ein und servierte ihnen seinen eigenen Sohn Pelops als Mahlzeit – um zu testen, ob sie wirklich allwissend waren. Die Götter erkannten das Fleisch sofort (nur Demeter, in ihrer Trauer um Persephone abgelenkt, aß versehentlich eine Schulter) und erweckten Pelops zurück zum Leben.
Tantalos wurde in den Tartaros verdammt mit einer Strafe, die seinem Verbrechen entsprach: Er steht in einem Teich bis zum Hals im Wasser, über ihm hängen schwere Äste voller Früchte. Wenn er trinken will, weicht das Wasser zurück. Wenn er essen will, heben sich die Zweige. Für alle Ewigkeit – Hunger und Durst, umgeben von dem, was ihn stillen könnte.
Das Wort „Tantalus“ lebt bis heute in der Sprache: to tantalize – etwas verlockend nahe zeigen und es dann entziehen. Tantalos wird ewig gequält. Und sein Name blieb.
Sisyphos: Der rollende Fels
Sisyphos, König von Ephyra, hatte den Tod zweimal überlistet – eine Geschichte, die ausführlich im Hades-Artikel erzählt ist. Seine Strafe ist das bekannteste Bild ewiger, sinnloser Arbeit: ein riesiger Fels, den er einen steilen Hügel hinaufrollt – der immer wieder kurz vor dem Gipfel hinunterrollt.
Der Sisyphus-Mythos ist in der Philosophie unsterblich: Albert Camus fragte, ob Sisyphos trotzdem glücklich sein kann – ob das Weitermachen trotz der Sinnlosigkeit selbst eine Form von Würde ist.
Ixion: Das Feuerrad
Ixion war König der Lapithen und beging zwei unverzeihliche Verbrechen: Er tötete seinen Schwiegervater und versuchte dann, Hera zu verführen – die Gemahlin des Zeus, der ihn gereinigt und auf den Olymp eingeladen hatte.
Zeus ließ ein Wolkenbild der Hera erschaffen; Ixion paarte sich damit – und aus dieser Verbindung entstanden die Zentauren.
Seine Strafe: Er wurde an ein flammendes Rad gebunden, das sich für alle Ewigkeit dreht. Manchmal dreht es sich im Tartaros, manchmal durch den gesamten Himmel – je nach Quelle. Ein Rad, das nie anhält. Eine Bewegung ohne Ziel.
Die Danaiden: Wasser in Löcher schütten
Die Danaiden waren die fünfzig Töchter des Königs Danaos von Argos. Ihr Vater befahl ihnen, in der Hochzeitsnacht ihre je angeheirateten Ehemänner zu töten. Neunundvierzig von fünfzig gehorchten; nur Hypermestra verschonte ihren Mann aus Liebe.
Die neunundvierzig schuldigen Töchter wurden im Tartaros zu einer Strafe verdammt, die ihrer Tat entspricht: Sie müssen für ewig Wasser in ein durchlöchertes Fass schöpfen. Das Wasser läuft sofort wieder heraus. Die Arbeit ist nie getan, das Ziel nie erreicht.
Die Danaiden sind ein Bild für das Sinnlose, das dennoch nicht aufhört – die Arbeit, die nichts bewirkt, aber dennoch immer weitergeht.
Tityos: Die ewige Leber
Tityos war ein Riese, Sohn der Erde Gaia, und er beging ein Verbrechen gegen eine Göttin: Er versuchte, Leto zu vergewaltigen – die Mutter des Apollon und der Artemis. Apollon und Artemis töteten ihn.
Im Tartaros liegt Tityos ausgestreckt auf dem Boden – sein Körper so riesig, dass er neun Morgen Land bedeckt. Zwei Geier oder Adler fressen täglich seine Leber, die sich jede Nacht neu bildet. Eine Strafe wie die des Prometheus, nur ohne das Heroische: Tityos ist kein Wohltäter der Menschheit. Er ist ein Vergewaltiger, der für seine Tat auf ewig büßt.
Die Erinnyen: Die Rachegöttinnen des Tartaros
Im Tartaros oder in seiner Nähe hausen die Erinnyen – die Rachegöttinnen, auch Furien genannt (ihre römischen Namen: Alekto, Megaira, Tisiphone). Sie sind die Töchter der Nacht, geboren aus dem Blut, das floss, als Kronos seinen Vater Uranos entmannte.
Die Erinnyen verfolgen Mörder, besonders Muttermörder und jene, die die heiligen Bande der Familie zerrissen haben. Sie treiben ihre Opfer in den Wahnsinn, peitschen sie mit Schlangen, lassen ihnen keine Ruhe, bis Sühne geleistet ist oder die Strafe vollzogen ist.
Orestes – der Sohn des Agamemnon, der seine eigene Mutter Klytaimnestra tötete – wurde von den Erinnyen jahrelang verfolgt, bis Athene ihn in einem Prozess in Athen freisprach und die Erinnyen in die Eumeniden (die „Wohlgesonnenen“) verwandelte.
Die Erinnyen zeigen: Tartaros ist nicht passiv. Die Strafe kommt zu denen, die noch leben.
Tartaros und die Ordnung der Welt
Tartaros ist nicht nur ein Gefängnis. Er ist das Prinzip, das die Weltordnung garantiert.
Ohne Tartaros würden die Titanen frei sein. Typhon würde die Erde verwüsten. Tantalos würde ungestraft die Götter betrügen. Die Weltordnung – die Dike, die Gerechtigkeit – hängt davon ab, dass das Schlimmste an einem Ort bleibt, von dem es nicht entkommen kann.
Tartaros ist die Antwort der Griechen auf die Frage: Warum passiert das Böse nicht immer und ungestraft? Weil es einen Ort gibt, der es schließlich aufnimmt. Endgültig.
Symbolik: Was Tartaros bedeutet
Die Strafen im Tartaros sind keine willkürliche Grausamkeit. Sie sind Spiegelstrafen – die Strafe entspricht dem Vergehen.
Tantalos gab Göttern Menschenfleisch zu essen: Er hungert und dürstet ewig, umgeben von Speise und Trank. Sisyphos überwand den Tod durch List: Er rollt einen sinnlosen Fels, der nie ankommt. Ixion vergewaltigte eine göttliche Frau: Er dreht sich ewig auf einem Rad, ohne Kontrolle, ohne Halt. Die Danaiden töteten ihre Ehemänner: Sie füllen ewig ein Gefäß, das nie voll wird.
Die Griechen glaubten an eine Ordnung, in der jede Tat eine entsprechende Konsequenz hat. Tartaros ist der Ort, an dem diese Konsequenz ewig vollzogen wird.
Tartaros heute
Das Wort Tartaros lebt in der modernen Sprache fort – oft ohne dass man es weiß.
Das Wort „tartarisch“ und der Begriff „Tataren“ wurden im Mittelalter fälschlich miteinander verknüpft: Als die Mongolen und Tataren Europa überfielen, nannten sie erschreckte Europäer „Tataren aus dem Tartarus“ – Wesen aus dem Abgrund selbst. Der Name der Völker und der des Abgrunds verschmolzen in der Volksvorstellung.
Die Sauce Tartare – die bekannte Mayonnaise-Sauce – trägt denselben Namen, wahrscheinlich als Anspielung auf die vermeintlich „wilde“ Herkunft aus dem Osten.
Das chemische Element Tartrat – eine Weinsteinsäure – kommt aus dem Arabischen, wurde aber durch das Lateinische tartarum (Weinstein) beeinflusst, das wiederum aus dem Griechischen stammt.
In Rick Riordans Percy-Jackson-Reihe spielt der Tartaros eine zentrale Rolle: In den „Helden des Olymp“ fallen Percy und Annabeth in den Tartaros – einer der dunkelsten und emotionalsten Handlungsstränge der gesamten Serie. Der Tartaros ist dort ein aktives Wesen, eine lebende Bedrohung, die sich gegen sie richtet.
Das Videospiel „Hades“ von Supergiant Games zeigt den Tartaros als erste Zone des Spiels – die roheste, dunkelste, gefährlichste. Passend für das, was er in der Mythologie darstellt: den tiefsten Abgrund, von dem der Weg nur nach oben führt.
Fazit: Das Ende, das keine Gnade kennt
Tartaros ist der dunkelste Ort der griechischen Mythologie. Nicht weil er grausam ist – obwohl er das ist – sondern weil er endgültig ist.
Kein Held steigt aus dem Tartaros auf. Kein Gott befreit die dort Gefangenen aus Mitgefühl. Tantalos hungert noch. Sisyphos rollt noch. Ixion dreht sich noch.
Doch Tartaros zeigt auch etwas anderes: dass die Welt eine Ordnung hat. Dass das Schlimmste nicht ungestraft bleibt. Dass am Ende jede Tat eine Konsequenz hat, die zu ihr passt.
Er ist nicht das Ende der Geschichte. Er ist das, was Geschichten möglich macht – der dunkle Grund, auf dem das Licht stehen kann.
Mehr über die Orte und Figuren der Unterwelt findest du bei Hades, Elysium und Kerberos.
