Achilles
Der unbesiegbare Krieger der griechischen Mythologie
Er wusste, dass er sterben würde. Er wählte es trotzdem.
Achilles ist der stärkste, schnellste und gefürchtetste Krieger der griechischen Mythologie. Er ist fast unsterblich – und weiß es. Er kennt sein Schicksal – und geht ihm entgegen. Er ist nicht trotz seiner Sterblichkeit groß, sondern wegen ihr: weil er wählt, kurz und leuchtend zu brennen, anstatt lang und dunkel zu glühen.
Aber Achilles ist mehr als ein Krieger. Er ist ein Mensch, der liebt, der trauert, der sich schämt und wütet. In ihm schlägt das Herz der Ilias – und das Herz der Frage, was es bedeutet, als Mensch zu leben.
Herkunft: Sohn einer Göttin und eines Sterblichen
Achilles ist der Sohn der Meeresnymphe Thetis und des sterblichen Königs Peleus. Diese Verbindung war keine freiwillige – Zeus und Poseidon hatten beide Thetis begehrt, doch eine Prophezeiung warnte, ihr Sohn würde mächtiger sein als sein Vater. Beide Götter ließen von ihr ab und verheirateten sie mit dem Sterblichen Peleus.
Thetis liebte ihren Sohn leidenschaftlich – und konnte das Leid nicht ertragen, das mit seiner Sterblichkeit verbunden war. In der bekanntesten Version des Mythos tauchte sie den Säugling Achilles in den Fluss Styx, den Grenzfluss der Unterwelt, der alles unverwundbar macht. Doch sie hielt ihn an der Ferse – und dieser eine Punkt blieb sterblich.
In einer älteren, weniger bekannten Version versuchte Thetis, ihn durch Feuer zu unsterblich zu machen – doch Peleus unterbrach sie, erschrocken über den Anblick. Thetis verließ ihn und das Kind aus Wut.
Wie auch immer – Achilles blieb sterblich. Und das wusste er.
Die Prophezeiung: Ruhm oder langes Leben
Eine Prophezeiung stellte Achilles vor eine Wahl, die er schon als Junge kannte: Er konnte ein langes, friedliches Leben führen und vergessen werden – oder kurz und glorreich leben und unsterblichen Ruhm ernten.
Achilles wählte den Ruhm.
Diese Wahl ist das Herzstück seines Charakters. Er ist kein Held, der zufällig in den Krieg gezogen wird. Er geht mit offenen Augen hinein, wissend, dass er nicht zurückkommt.
Seine Mutter Thetis versuchte trotzdem, ihn zu retten: Sie verkleidete ihn als Mädchen und versteckte ihn auf der Insel Skyros unter den Töchtern des Königs Lykomedes. Odysseus – der diese Dinge immer herausfand – kam als Händler verkleidet, legte Schmuck und Waffen aus. Alle Mädchen griffen nach dem Schmuck. Achilles griff nach dem Schwert.
Enttarnt. Troja rief.
Sein Erzieher war der weise Zentaur Cheiron, der ihm Kampfkunst, Heilkunde, Musik und Philosophie beibrachte. Cheiron formte nicht nur einen Krieger – er formte einen Menschen.
Patroklos: Die wichtigste Beziehung seines Lebens
Bevor man Achilles im Krieg verstehen kann, muss man Patroklos verstehen.
Patroklos war Achilles‘ engster Gefährte – sein Freund, sein Gefährte, sein zweites Ich. Die Griechen sahen in ihrer Beziehung die vollkommene Freundschaft, und spätere Autoren, darunter Platon, deuteten sie als tiefe Liebe. Homer selbst lässt offen, was genau sie verband – doch kein Zweifel: Es war die wichtigste Verbindung in Achilles‘ Leben.
Patroklos war anders als Achilles: sanfter, nachdenklicher, mitfühlender. Er war derjenige, der Achilles zurückhielt, wenn der Zorn ihn überwältigte. Er war der Mensch, um dessentwillen Achilles weinte.
Der Zorn des Achilles: Der Beginn der Ilias
Homers Ilias beginnt mit einem einzigen Wort: Menis – Zorn. Der Zorn des Achilles.
Im zehnten Jahr des Trojanischen Krieges geriet Achilles in offenen Streit mit dem Oberfeldherrn Agamemnon. Der Anlass: Agamemnon hatte die Tochter eines Apollon-Priesters als Kriegsbeute einbehalten und damit eine Pest über das Lager gebracht. Als er gezwungen wurde, sie zurückzugeben, nahm er sich zur Kompensation Achilles‘ Kriegsgefangene Briseis – eine Frau, um die sich Achilles sorgend gekümmert hatte.
Achilles explodierte. Er hätte Agamemnon getötet, wäre nicht Athene erschienen und hätte ihn zurückgehalten. Stattdessen tat er etwas, das den Krieg fast verlor: Er zog sich zurück.
Er weigerte sich zu kämpfen. Ließ die Griechen verlieren, Schlachten verlieren, Männer sterben – und bat seine Mutter Thetis, Zeus darum zu bitten, den Trojanern zum Sieg zu verhelfen, um die Griechen zu zwingen, seinen Wert anzuerkennen.
Thetis erfüllte seine Bitte. Zeus ließ die Trojaner siegen. Die Griechen litten.
Patroklos zieht in die Schlacht – und stirbt
Während Achilles am Strand saß und die Niederlage seiner Freunde beobachtete, bat ihn Patroklos flehentlich, einzugreifen. Achilles lehnte ab – sein Stolz war noch nicht befriedigt.
Dann bat Patroklos um etwas anderes: Lass mich deine Rüstung anlegen. Die Trojaner werden denken, Achilles sei zurück, und zurückweichen.
Achilles willigte ein – aber mit einer Bedingung: Patroklos solle die Trojaner zurückdrängen, aber nicht bis zu den Mauern Trojas vordringen. Er solle bescheiden bleiben, nicht zu weit gehen.
Patroklos tat es nicht.
Er trieb die Trojaner bis vor die Mauern Trojas zurück, tötete Dutzende – und wurde schließlich von Hektor, dem stärksten Prinzen Trojas, getötet. Apollo hatte ihn zuerst geschwächt; Hektor traf ihn.
Als die Nachricht Achilles erreichte, war sein Schmerz so absolut, dass er auf der Erde lag und schrie. Thetis hörte seinen Schrei und kam aus dem Meer. Sie saß bei ihm, hielt seine Hände, während er weinte und vows of vengeance swore.
Der Zorn auf Agamemnon verblasste. Ein neuer Zorn entstand – schlimmer, tiefer, unauslöschlicher.
Die neue Rüstung: Hephaistos‘ Meisterwerk
Patroklos hatte Achilles‘ Rüstung getragen – Hektor hatte sie als Siegestrophäe genommen. Thetis ging zu Hephaistos, dem Schmiedegott, und bat ihn, neue Waffen zu schmieden.
Was Hephaistos erschuf, ist eines der bedeutendsten Objekte der antiken Literatur: der Schild des Achilles. Homer beschreibt ihn in über hundert Versen – Städte in Frieden und im Krieg, Felder bei der Ernte, Tänze und Gerichte und die Sterne des Himmels. Der Schild ist ein Abbild der gesamten Welt, des gesamten menschlichen Lebens.
Achilles würde diese Welt bald verlassen. Der Schild zeigte, was er für sich aufgegeben hatte.
Hektors Tod und die Schändung
Achilles kehrte in den Kampf zurück – und war nicht mehr derselbe. Er war kein Held mehr, der Ruhm suchte. Er war ein Mann, der seine Trauer in Gewalt verwandelte.
Er tötete Trojaner wie ein Sturm. Er tötete Hektor in einem Zweikampf, der seit Beginn des Krieges kommen musste – die beiden stärksten Krieger auf beiden Seiten, endlich gegenüber.
Hektor bat darum, dass sein Leichnam der Familie zurückgegeben werde. Achilles verweigerte es. Er band Hektors Leichnam an seinen Streitwagen und zog täglich Runden um Trojas Mauern – Hektors Leiche im Staub hinter sich her.
Das war kein Heldentum mehr. Das war Zorn, der über die Grenzen des Menschlichen hinausging. Die Götter sahen es, und selbst Zeus war unbehaglich.
Priamos: Der Moment, der alles verändert
In der Nacht kam ein alter Mann zu Achilles‘ Zelt.
Priamos, König von Troja, Vater des Hektor, fast blind vor Alter und Kummer – kam allein und unbewaffnet, geführt von Hermes durch das griechische Lager.
Er kniete vor Achilles nieder und küsste seine Hände – die Hände, die seinen Sohn getötet hatten.
Und er bat: Gib mir meinen Sohn zurück.
Achilles war still. Dann weinte er. Er weinte um seinen eigenen Vater Peleus, der ihn niemals mehr sehen würde. Er weinte um Patroklos. Er weinte um alle, die der Krieg genommen hatte.
Er gab Priamos den Leichnam zurück. Er gewährte ihm einen Waffenstillstand für elf Tage, damit Hektor bestattet werden konnte.
Diese Szene – am Ende der Ilias – ist eine der erschütterndsten der gesamten Weltliteratur. Zwei Menschen auf verschiedenen Seiten eines Krieges, die sich in ihrer gemeinsamen Trauer erkennen. Der Feind als Mensch.
Der Tod des Achilles
Homer selbst erzählt Achilles‘ Tod nicht mehr – die Ilias endet mit Hektors Beerdigung. Doch andere Quellen berichten:
Nach Hektors Tod kämpften die Trojaner weiter – nun mit Verbündeten, darunter Penthesilea, die Amazonenkönigin, und Memnon, der äthiopische Prinz. Achilles tötete beide.
Dann schoss Paris – der Prinz, der alles ausgelöst hatte – einen Pfeil. Gott Apollon lenkte ihn. Er traf Achilles an der Ferse.
Achilles fiel.
Es war kein glorreicher Tod im Zweikampf. Es war ein Pfeil von einem Mann, den niemand als großen Krieger respektierte, gelenkt von einem Gott – die einzig mögliche Art, Achilles zu töten.
Seine Rüstung wurde ein Preis – und der Streit darum zwischen Odysseus und Ajax endete mit Ajax‘ Wahnsinn und Tod.
Thetis brachte ihren Sohn zu den Inseln der Seligen oder – in anderen Versionen – zu den Elysischen Feldern, wo er als Held für immer verehrt wurde.
Symbole und Attribute
- Die Rüstung des Hephaistos – Göttliches Meisterwerk, Abbild der Welt. Und doch konnte keine Rüstung ihn retten.
- Die verwundbare Ferse – Das ewige Symbol: Selbst das Unbesiegbare hat seine Schwachstelle.
- Der Speer des Cheiron – Ein Erbstück seines Lehrers, Symbol der Erziehung und Tradition.
- Blondes Haar und Schönheit – Homer beschreibt ihn als strahlend schön, leuchtend wie ein Stern.
Achilles und Patroklos: Was sie verband
Die Frage, ob Achilles und Patroklos Freunde, Geliebte oder beides waren, hat Generationen von Lesern beschäftigt.
Homer gibt keine eindeutige Antwort. Aber die Intensität von Achilles‘ Trauer – er liegt im Staub, isst nicht, schläft nicht, schlägt sich an die Brust – ist die Trauer um jemanden, der das Zentrum seines Lebens war.
Platon beschreibt ihre Beziehung in seinem „Symposion“ als Vorbild tiefer Liebe. In Madeline Millers Roman Das Lied des Achill (2011) werden sie als liebende Gefährten dargestellt – und Miller erhielt dafür den Orange Prize for Fiction. Der Roman wurde zu einem der meistgelesenen mythologischen Neuerzählungen unserer Zeit und hat eine ganze Generation von Lesern mit der Ilias vertraut gemacht.
Achilles heute
Achilles ist in der modernen Welt allgegenwärtig.
Die Achillesferse – das weiche Bindegewebe an der Rückseite des Fußes – trägt seinen Namen, und das Wort ist in jede Sprache übergegangen: die Schwachstelle, die verwundbare Stelle, das, was einen sonst Unbesiegbaren zu Fall bringt.
Im Film wurde er von Brad Pitt in Troja (2004) verkörpert – eine populäre, wenn auch mythologisch vereinfachte Darstellung. In God of War erscheint er als gefallener Held. In unzähligen Romanen, Theaterstücken und Opern lebt er weiter.
Madeline Millers Das Lied des Achill (2011) ist die bedeutendste moderne Neuerzählung – aus Patroklos‘ Perspektive geschrieben, tief gefühlvoll und präzise in seiner Mythologie. Es hat Achilles für eine neue Generation zugänglich gemacht.
Das Asteroid 588 Achilles war der erste entdeckte Trojaner-Asteroid – eine Gruppe von Asteroiden, die denselben Orbit wie Jupiter teilen. Achilles, der Schnellste unter den Helden, reist noch heute durch das Sonnensystem.
Fazit: Der Held, der wusste, was er tat
Achilles ist kein naiver Held, der unwissend in sein Schicksal tappt. Er wählt. Jedes Mal.
Er wählt Troja statt Skyros. Er wählt den Rückzug statt der Demut. Er wählt die Rückkehr nach Patroklos‘ Tod, obwohl er weiß, was das bedeutet. Er wählt, Priamos‘ Bitte zu erfüllen, obwohl der Zorn noch brennt.
Was ihn unsterblich macht, ist nicht seine Ferse. Es ist seine Fähigkeit, trotz allem seine Menschlichkeit zurückzufinden – in der Nacht, in der ein alter König weint und er mit ihm weint.
Mehr über die Figuren aus Achilles‘ Welt findest du bei Zeus, Hera, Hephaistos und Odysseus.
