Odysseus

Der listenreiche Held der griechischen Mythologie

Es gibt Helden, die siegen, weil sie stärker sind. Odysseus siegt, weil er klüger ist.

Er ist nicht der stärkste Krieger vor Troja – das ist Achilles. Nicht der schönste – das ist Paris. Nicht der tapferste in offener Schlacht. Odysseus ist der Listigste, der Geduldigste, der Zäheste. Er erfindet das Trojanische Pferd. Er überlistet einen einäugigen Riesen. Er widersteht Sirenengesang und Zauberei und sieben Jahren Gefangenschaft auf einer Insel.

Und dann kommt er nach Hause.

Doch Odysseus ist auch ein moralisch komplexer Held. Er lügt. Er manipuliert. Er lässt Menschen sterben, wenn es nötig ist. Die Griechen liebten ihn und misstrauten ihm zugleich. Er ist das Bild eines Menschen, der überleben will – mit allen Mitteln.

Wer ist Odysseus?

Odysseus ist König von Ithaka, einer kleinen Insel im ionischen Meer, und Sohn des Laertes und der Antikleia. Er ist der Enkel des listigen Autolykos – und hat offensichtlich geerbt. Seine Frau heißt Penelope, sein Sohn Telemachos, der kurz nach Odysseus‘ Abfahrt nach Troja geboren wird.

Sein Beiname ist Polytropos – der Vielgewandte, der Vielgerühmte – oder Polymetis – der Vielsinnige, der Vielschlaue. Homer nennt ihn in der Odyssee immer wieder so: „der listenreiche Odysseus“. Kein anderer Held trägt dieses Epitheton.

Vor der Odyssee: Der Trojanische Krieg

Odysseus wollte gar nicht nach Troja. Als die Boten kamen, um ihn für den Feldzug zu rekrutieren, täuschte er Wahnsinn vor: Er spannte Ochsen und Esel zusammen und pflügte den Strand – und streute Salz statt Getreide. Die Boten durchschauten ihn, indem sie seinen kleinen Sohn Telemachos vor den Pflug legten. Odysseus lenkte aus – und gab nach.

In Troja wurde er einer der wichtigsten Strategen. Er holte den jungen Achilles aus seinem Versteck (Achilles‘ Mutter hatte ihn als Mädchen verkleidet auf der Insel Skyros versteckt). Er brachte den verwundeten Helden Philoktet aus seiner Verbannung. Und nach zehn Jahren erfolgloser Belagerung erdachte er die entscheidende List.

Das Trojanische Pferd – ein riesiges Holzpferd, in dessen Bauch griechische Krieger versteckt waren – war Odysseus‘ Idee. Die Trojaner, durch ein fingiertes Manöver getäuscht, schleppten es als Trophäe in ihre Stadt. In der Nacht öffnete sich der Bauch. Troja fiel.

Es war die klügste Kriegslist der Antike – und sie trug Odysseus‘ Handschrift.

Die Irrfahrten: Zehn Jahre nach Hause

Nach dem Fall Trojas begann das eigentliche Epos. Odysseus brauchte zehn weitere Jahre, um die kurze Strecke von Troja nach Ithaka zurückzulegen – nicht weil der Weg weit war, sondern weil er Poseidons Zorn auf sich gezogen hatte.

Die Lotophagen

Auf einer frühen Insel fanden Odysseus‘ Männer Menschen, die Lotusblüten aßen – süß, betäubend, alles-vergessend machend. Wer aß, wollte nicht mehr nach Hause. Odysseus schleifte seine Männer zurück zum Schiff. Noch weiß er, wofür er kämpft.

Polyphem

Die berühmteste Station: der Kyklop Polyphem, Sohn des Poseidon. Die Geschichte ist im Zyklopen-Artikel ausführlich erzählt – Odysseus, der sich „Niemand“ nennt, der Pfahl im Auge, die Flucht unter den Schafen, der verhängnisvolle Namenruf am Ende.

Dieser Ruf – „Ich bin Odysseus aus Ithaka!“ – war sein größter Fehler. Polyphem betete zu seinem Vater Poseidon, und der erhörte das Gebet. Zehn Jahre lang Irrfahrt – bezahlt für einen Moment Prahlerei.

Aiolos und die Winde

Der Windgott Aiolos schenkte Odysseus einen Lederbeutel, in dem alle widrigen Winde eingeschlossen waren. Mit günstigem Westwind segelten sie, schon in Sichtweite Ithakas – als Odysseus schlief. Seine Männer, überzeugt, der Beutel enthalte Schätze, öffneten ihn. Die Winde strömten heraus und trieben sie zurück ans Ende der Welt.

Kirke: Schweine und Zauberei

Die Zauberin Kirke auf der Insel Aiaia verwandelte Odysseus‘ Voraustrupp mit einem Zaubertrank in Schweine – körperlich Tiere, aber mit menschlichem Bewusstsein. Eine grausamere Strafe ist schwer vorstellbar.

Hermes warnte Odysseus und gab ihm das Kraut Moly, das gegen Kirkes Zauber immunisierte. Als Kirke versuchte, auch Odysseus zu verwandeln, scheiterte sie – und Odysseus zwang sie mit dem Schwert, seine Männer zurückzuverwandeln.

Was folgte, war merkwürdig: Odysseus und seine Männer blieben ein Jahr bei Kirke. Er lebte mit ihr, lernte von ihr. Kirke war keine Feindin – sie war eine mächtige Göttin, die respektiert werden wollte, und die, wenn man ihr begegnete ohne Angst, ein außerordentlicher Verbündeter war. Sie gab Odysseus schließlich den Rat, in die Unterwelt hinabzusteigen.

Die Unterwelt: Gespräche mit den Toten

Dieser Abschnitt der Odyssee – der Katabasis – ist einer der bewegendsten der gesamten antiken Literatur.

Odysseus stieg ans Ende der Welt, grub eine Grube, goss Blut hinein und wartete. Die Seelen der Toten kamen – Schatten, die nach Blut verlangten, weil es ihnen für kurze Zeit Bewusstsein zurückgab.

Der blinde Seher Teiresias prophezeite ihm seinen Weg. Der Held Achilles erklärte ihm, dass er lieber das ärmste Leben auf Erden führen als im Totenreich herrschen würde – eine der erschütterndsten Aussagen der Odyssee über Sterblichkeit und Wert des Lebens.

Und dann erschien der Schatten seiner Mutter Antikleia, die gestorben war, während er in Troja war. Odysseus versuchte dreimal, sie zu umarmen – dreimal wich der Schatten durch seine Arme. Er konnte sie nicht berühren. Sie war tot. Er war zu spät.

Die Sirenen

Die Sirenen sangen mit übernatürlicher Schönheit – jeder Seemann, der ihr Lied hörte, wurde wahnsinnig vor Verlangen und stürzte ins Meer. Odysseus wollte das Lied hören und überleben. Er ließ sich an den Mast binden und verstopfte seinen Männern die Ohren mit Wachs.

Er hörte es. Das Lied war wirklich so schön, dass er rasend wurde und an seinen Fesseln zerrte – doch die Männer hörten seine Befehle nicht und ruderten weiter.

Er war der einzige Mensch, der das Lied der Sirenen gehört hat und lebt. Ein teurer Preis: das Wissen, dass es Schönheit gibt, die man nicht haben darf.

Skylla und Charybdis

Zwischen zwei Gefahren musste er wählen: Charybdis, ein gigantischer Strudel, der das ganze Schiff verschlingen würde, oder Skylla, das sechsköpfige Monster, das von der Klippe herunterschoss und sechs Männer fraß.

Odysseus wählte Skylla. Er opferte sechs Männer bewusst, um das Schiff zu retten. Er stand an Deck und sah ihre ausgestreckten Hände, hörte ihre Namen, die sie ihm zuriefen, als Skylla sie hochriss.

Er ließ es zu. Er hörte zu. Er rettete die übrigen.

Es ist einer der dunkelsten Momente der Odyssee: Odysseus als Anführer, der kalkuliert, wie viele er opfern muss.

Die Rinder des Helios

Auf der Insel des Sonnengottes Helios verhungerten Odysseus‘ Männer und schlachteten schließlich dessen heilige Rinder – obwohl Odysseus sie ausdrücklich gewarnt hatte. Als Strafe zerstörte Zeus ihr Schiff mit einem Blitz. Alle starben. Nur Odysseus überlebte.

Er war der Einzige, der nicht gegessen hatte.

Kalypso

Die Nymphe Kalypso auf der Insel Ogygia hielt Odysseus sieben Jahre gefangen – aber nicht durch Gewalt. Sie liebte ihn und bot ihm Unsterblichkeit an. Unsterblichkeit und ewige Jugend, wenn er bei ihr bliebe.

Odysseus lehnte ab.

Er saß täglich am Strand und weinend das Meer an und wollte nach Hause. Er wollte seine alternde Frau Penelope, sein kleines Ithaka, sein sterbliches Leben. Keine Göttin konnte ihn ersetzen.

Erst als Zeus eingriff und Kalypso befahl, ihn freizulassen, durfte er gehen.

Nausikaä und die Phaiaken

Schiffbrüchig und allein wurde Odysseus von den Wellen ans Ufer der Insel Scheria gespült, wo die Phaiaken lebten. Er begegnete der Königstochter Nausikaä beim Wäschewaschen am Strand – erschöpft, nackt, von Meersalz verkrustet. Sie half ihm ohne Zögern, brachte ihn zu ihrem Vater, und die Phaiaken veranstalteten zu seinen Ehren Spiele und Feste.

Hier, am Hof der Phaiaken, erzählte Odysseus seine Geschichte – die gesamte Odyssee ist ein Rückblick, den er selbst erzählt. Es ist eine der kühnsten Erzählstrukturen der Weltliteratur.

Die Rückkehr nach Ithaka: Der härteste Schritt

Nach zwanzig Jahren kam Odysseus nach Hause – als alter Bettler verkleidet, von Athene entstellt, um nicht erkannt zu werden.

Was er vorfand: hundert Freier, die sein Haus bewohnten, sein Gut aufaßen, seiner Frau Penelope nachstellten und seinen Sohn Telemachos in den Hintergrund drängten.

Penelope hatte sie zwanzig Jahre lang hingehalten. Sie hatte versprochen zu wählen, sobald sie ein Leichentuch für Odysseus‘ Vater fertig gewebt hatte – und webte jede Nacht das Tagswerk wieder auf. Drei Jahre lang hielt diese List.

Ihren Charakter zeigt auch das Ende: Als die Freier einen Bogenwettbewerb abhalten, bei dem der Sieger sie heiraten darf, stellt sie die Bedingung, dass der Bogen von Odysseus gespannt werden muss – ein Bogen, den keiner der Freier überhaupt aufziehen kann.

Odysseus, noch als Bettler, bat darum, den Bogen ausprobieren zu dürfen. Man lachte. Er spannte ihn mühelos, schoss durch zwölf aufgereihte Äxte – und wandte sich dann gegen die Freier.

Das Massaker war blutig und gnadenlos. Odysseus und Telemachos töteten alle Freier, alle Dienerinnen, die mit ihnen kollaboriert hatten. Es ist kein triumphaler Heimkehrmoment im modernen Sinne – es ist Rache, kalt und vollständig.

Penelope erkannte ihn zuletzt – und nur, weil er ihr ein Geheimnis nannte, das nur sie beide wussten: dass ihr Ehebett aus einem lebenden Ölbaum gezimmert war, der noch im Boden verwurzelt war und sich nicht bewegen ließ.

Nur Odysseus konnte das wissen.

Penelope: Die klügste Frau der Mythologie

Penelope verdient ihren eigenen Abschnitt. Sie wird oft als passiv beschrieben – die wartende, treue Ehefrau. Das ist falsch.

Penelope wartete zwanzig Jahre, hielt hundert aggressive Männer hin, schützte ihren Sohn, verwaltete ein Königreich ohne König – mit List, Geduld und einem Verstand, der dem ihres Mannes ebenbürtig war.

In Madeline Millers Circe und Margaret Atwoods Penelopiad wird sie neu erzählt: als Frau mit Handlungsmacht, die in einer unmöglichen Situation das Bestmögliche tat. Atwoods Buch gibt ihr und den Mägden, die Odysseus tötete, eine Stimme – eine der unbequemsten Fragen der Odyssee: Hatten sie wirklich eine Wahl?

Symbole und Attribute

  • Der Bogen – Symbol seiner unvergleichlichen Stärke und seiner Einzigartigkeit. Nur er kann ihn spannen.
  • Das Trojanische Pferd – Das ewige Bild der Überlegenheit des Geistes über Mauern und Rüstungen.
  • Die Seefahrt – Odysseus ist der Held des Weges, nicht des Ziels. Die Reise ist sein Wesen.
  • Athenes Schutz – Er ist ihr Liebling, ihr Ebenbild in Sterblichkeit. Kein anderer Held genießt so konstante göttliche Begleitung.

Odysseus heute

Odysseus ist das meistdiskutierte Epos der Weltliteratur – und seine Reise eine der dauerhaftesten Metaphern der menschlichen Kultur.

James Joyces Roman Ulysses (1922) – einer der einflussreichsten Romane des 20. Jahrhunderts – erzählt die Odyssee als einen einzigen Tag in Dublin. Leopold Bloom ist Odysseus, Dublin ist das Mittelmeer, und das ganze Epos passt in 18 Stunden. Joyce nannte den Roman nach dem lateinischen Namen des Odysseus.

Der Film O Brother, Where Art Thou? (2000) von den Coen-Brüdern verlegt die Odyssee ins amerikanische Süden der 1930er Jahre – mit George Clooney als dem listenreichen Odysseus, Sirenen, Kyklop und allem.

Margaret Atwoods Penelopiad (2005) erzählt die Geschichte aus Penelopes Sicht – eine der wichtigsten feministischen Neuerzählungen der Antike.

Das Wort „Odyssee“ ist in alle Kulturen übergegangen: eine lange, gefahrvolle Reise voller Prüfungen. Raumfahrtmissionen, Dokumentarfilme, Romane tragen seinen Namen. Stanley Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“ setzt Odysseus‘ Reise in die Unendlichkeit des Alls.

Und die Frage, die die Odyssee stellt, ist zeitlos: Was ist das, wofür es sich lohnt, nach Hause zurückzukehren?

Fazit: Der Held, der nach Hause wollte

Odysseus ist kein makelloser Held. Er lügt, wenn es hilft. Er opfert Menschen, wenn es nötig ist. Er lehnte Unsterblichkeit ab, weil er lieber sterblich und zu Hause wäre.

Das ist vielleicht das Menschlichste an ihm: nicht seine Stärke oder seine Klugheit, sondern sein Heimweh. Die Erkenntnis, dass ein sterbliches, gewöhnliches Leben – mit einer alternden Frau auf einer kleinen Insel – mehr wert ist als ewige Jugend auf einer paradiesischen Insel ohne Erinnerung.

Die Odyssee ist keine Geschichte über Heldentum. Sie ist eine Geschichte darüber, was Heimat bedeutet.

Mehr über die Figuren aus Odysseus‘ Welt findest du bei Athene, Poseidon, Kirke und Zyklopen.

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